Freitag, 19. November 2010

Persönliche Nostalgie der traurigeren Art

Kennt Ihr das auch, dass Euch Menschen ziemlich lange begleiten? Sie stehen Euch nicht wirklich nahe, es ist vielleicht ein Kollege, ein Abteilungsleiter, jemand, der "immer" da war.

Gestern rief mich eine ehemalige Kollegin aus der Nähe von Regensburg an, um mir zu sagen, dass ein ehemaliger Vorgesetzter von mir vorgestern verstorben ist. Er wurde nur 58. Ich kam nach Hause, ziemlich angesäuert, weil ich mit meinem Auto einen Bordstein gerammt habe und habe das dann sofort vergessen. Wer regt sich über Bordsteine auf, wenn Menschen sterben, die einem dann doch irgendwie nahestanden, auch wenn man es vorher nicht wußte.

1984 lernte ich diesen Mann kennen, und bis zu meinem Ausscheiden aus dem Unternehmen 2002 kannte ich ihn als jemanden, dem nichts zuviel wurde, der einen immer angehört hat, ohne jedoch direkt grundgütig zu sein, und dessen Leben die Firma war. Was haben wir uns immer über (und mit ihm) amüsiert. Ein Typ, der auf Sitzungen eher den Eindruck machte, dass er schlief, aber nachher - im Protokoll - stand jedes Wort, das gefallen war. Als Betriebsrätin führte ich mit ihm Gespräche, wo ich ihn anschließend am liebsten geschüttelt hätte - na ja, Chefs eben. Wenn ich Urlaubsvertretung im Sekretariat machte, hatte ich einen Horror vor seinen Diktaten, weil er so schnell sprach (und dabei auch noch Worte verschluckte), dass sogar er beim Abhören seines eigenen Bandes mal sagte: "Keine Ahnung, was ich gesagt habe. Lassen Sie es einfach weg." Er war jemand, der auch mal sein Fähnchen nach dem Wind drehte - einmal ja, einmal nein, dann wieder ja. Und trotzdem mochte man ihn - irgendwie. Weil er ein wenig dicker war, nannten wir ihn auch wegen seiner Gemütlichkeit gerne "Balou". Seine Kollegen nannten ihn "Puma", weil er gerne bestimmte Teile aus der Kollektion eines Herzogenauracher Sportherstellers trug, die ihm eigentlich nicht wirklich standen. Viele nahmen ihn wahr, einige nicht immer ernst, was dazu führte, dass er auch oft einmal übergangen wurde. Ich glaube, im tiefsten Innern war er ein Arbeiter, kein Manager - was ja überhaupt nichts schlimmes ist. Wenn man ein Problem hatte und zu ihm ging, war er immer zu einem Gespräch bereit und bemüht, eine Lösung zu finden. Wenn er auch keine fand, er hatte immer Zeit.

All das ging mir gestern abend noch durch den Kopf, ein Anlass auch, mir mal die Bilder von ehemaligen Kollegen/Vorgesetzten auf der Webseite meines ehemaligen Arbeitgebers anzusehen, und festzustellen: "Sie sind älter geworden."

Ein anderer Kollege soll schwer krebskrank sein, noch ein anderer hat auch mit diversen Krankheiten zu kämpfen. Das alles ist lange her, weit weg - und doch: manchmal wünsche ich mir die alten Zeiten mit allem Ärger und doch viel Freude zurück. Zeiten, in denen man noch abends gemeinsam etwas trinken ging und nicht vor dem PC gesessen hat. Als man glaubte, alles dauert ewig und wir haben noch so viel Zeit. Und jetzt höre ich auf, sonst heule ich gleich los.

Mein lieber Herr P., ich hoffe, Sie haben Ihre Ruhe gefunden an einem Ort, wo es keine Schmerzen und keinen Ärger gibt. Ein wenig Arbeit sollte man Ihnen geben, denn lange halten Sie es doch nicht ohne aus. Ich bin sicher, Sie schauen jetzt - wie damals im Theaterstück, das ich fürs Betriebsfest geschrieben habe - auf die lieben Kollegen herunter und trinken dort mit Herrn K., Herrn K. und Herrn K. (tja, sie fingen wirklich alle mit diesem Buchstaben an), die vor Ihnen gegangen sind und mit denen Sie sich so gut verstanden haben, ein Weißbier. Ruhen Sie in Frieden.

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